Ars vivendi- November 2017

Ars vivendi

oder: Alles klar… ?!

Yvonne Wolf 30/11/2017

Seit ungefähr 2-3 Monaten, unterschwellig eventuell auch schon länger, bemerke ich eine starke Veränderung in meinen Bedürfnissen bezüglich Kommunikation. Auch wenn ich stets für sprachliche Finessen, ironische Einwürfe und Witze aller Art – ob hoch- oder tiefgelegt- zu haben bin und selbst gerne darauf zurückgreife, bin ich doch immer häufiger einfach froh und dankbar, wenn jemand in der Lage ist kurz, knapp und vor allem klar zu kommunizieren.

Im Laufe unseres Lebens werden wir quasi dazu ausgebildet, uns sprachlich immer gewandter auszudrücken. Irgendwann lernen wir, dass Ausschmückungen aller Art einfach dazu gehören. Und es macht ja auch Spaß: hier ein Witz, da ein Spruch, eine Prise Ironie – schnell wird man mit diesen Zutaten zum beliebten Gesprächspartner. Ich selbst stelle jedoch immer mehr fest, dass diese Art der Kommunikation mich in gewissen Situationen -nein, nicht grundsätzlich- zunehmend mehr anstrengt. Und zwar hauptsächlich immer dann, wenn ich ein Interesse daran habe, ein „ernstes“ Gespräch zu führen, Informationen zu erhalten oder Termine auszumachen. Zu viele Schnörkel nehmen einem Gespräch meiner Meinung nach die Verbindlichkeit- und so muss ich mich hinterher fragen: War das jetzt wirklich so gemeint? Kann ich mich darauf verlassen? Sind wir nun verabredet oder vielleicht doch nicht? Es entsteht Unsicherheit- und diesem Zuge auch Unzufriedenheit. Mindestens auf einer, vielleicht aber auch dauerhaft auf beiden Seiten.

Natürlich ist es wieder einmal so, dass man nur vor der eigenen Türe kehren kann und sollte- also heißt es: die eigene Kommunikation hinterfragen, analysieren und hier und da nach Wegen suchen, um etwas zu verändern. Weniger Emojis, dafür mehr Inhalt und Eindeutigkeit. Wenn man klar kommuniziert, kann man sich guten Gewissens auf das Gesagte konzentrieren und muss sich nicht auf die verzweifelte Suche nach dem eigentlich Gemeinten machen. Denn verantwortlich ist man immer nur für das, was man sagt- nicht für das, was andere verstehen. Ein Satz, den ich schon in meiner letzten Kolumne benutzt habe, weil ich ihn im Moment einfach so oft denke 🙂

Die kommende Weihnachtszeit ist für viele ja auch wieder eine große Herausforderung in Sachen Kommunikation. Ein bisschen mehr Klarheit kann auch hier bestimmt das ein oder andere Wunder vollbringen. An dieser Stelle also mein alljährlicher Appell: Überlegt euch, wie ihr feiern möchtet und kümmert euch um eure Bedürfnisse- dann habt ihr sicherlich schöne Tage vor euch!

So. Ich glaube, ich habe gesagt, was ich sagen wollte- und bevor ich vom Hölzchen auf’s Stöckchen komme, sollte ich im Sinne dieser Kolumne wohl einfach sagen:

Eine wunderschöne Weihnachts- und Adventszeit!

Bis bald,

             Yvonne

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Ars vivendi- Oktober 2017

Ars vivendi

oder: Reden ist Silber…

Yvonne Wolf 01/11/2017

…und Schweigen ist Gold. Eigentlich entspricht diese Redewendung nicht zwingendermaßen meinem Naturell. Denn so als Sprachtherapeutin und generell eher kommunikativ veranlagte Person lautet mein Mantra wohl eher: Immer raus damit 😉 In letzter Zeit allerdings bin ich mit diesem Motto nicht ganz glücklich und habe viel über meine Unzufriedenheit diesbezüglich nachgedacht. Wie der Zufall – oder die selektive Wahrnehmung – es wollte, fiel mir dann auch noch ein schöner Artikel zu genau diesem Thema in die Hände und forderte mich auf: Behalt’s doch einfach mal für dich…

Aber der Reihe nach. Warum bin ich unzufrieden? Ihr wisst ja, seit einigen Monaten befinde ich mich in einer kleinen großen Umbruchsphase- Ende der Elternzeit, der Entschluss ausschließlich selbständig zu arbeiten…viel Neues, viel Spannendes. Ich bin schwer damit beschäftigt Dinge zu organisieren, zu realisieren und meine Ideen auf Papier und an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Ideen habe ich nämlich haufenweise- mein Mann kann ein Lied (oder auch 2) davon singen. Und natürlich spreche ich gerne und häufig über die Dinge, die ich mir so überlege. Manchmal möchte ich wohl auch von bestimmten Leuten einen Ratschlag. Aber noch lange nicht immer. Nein, manchmal erzähle ich einfach nur gerne, was ich so mache…eben um des Erzählens willen, zur Aufrechterhaltung des kommunikativen Flusses, einfach so. Dieses „einfach so was erzählen“ scheint aber nicht zwingend ein weit verbreitetes Phänomen zu sein, denn scheinbar sehen viele Menschen sofort eine versteckte Aufforderung darin. Und dann werden sie ungefragt ausgepackt- die guten Ratschläge, die ich bereits vor 2 Jahren mal in einer Kolumne beleuchtet habe. Mittlerweile bin ich mit meinem Wissen um die gewaltfreie Kommunikation durchaus in der Lage, solche Situationen zu entschlüsseln, so ist es ja nicht. Menschen mögen es, wenn sie gebraucht werden. Wenn da also jemand, in dem Falle ich, mit neuen Ideen um die Ecke kommt, dann spricht es das Bedürfnis Vieler an, ein Teil von etwas zu sein. Ungünstig wird es dann, wenn die Strategien zur Ausagierung dieses Bedürfnisses etwas unglücklich gewählt werden. Z.B. in Form von Sätzen, die mit „Du musst/ Du müsstest/ Du solltest“ beginnen; schön ist auch: „Wie könnten wir das jetzt machen?“ In diesen Fällen wird leider mein internes Alarmsystem sofort aktiviert und die Schotten werden dicht gemacht. Jaja, theoretisch weiß ich, wie ich gewaltfrei aus so einer Nummer rauskäme…man beachte den Konjunktiv 😉 Aber sobald ein gewisses Maß an Emotionalität mit im Spiel ist, fällt es mir persönlich noch sehr schwer, die Situation elegant zu meistern.

Daher kam mir oben erwähnter Artikel auch gerade recht. Zusammengefasst ging es darum, dass ständiges Über-alles-sprechen nicht immer befreiend, bereichernd und zielführend sein muss, sondern mitunter durchaus auch zermürbend und frustrierend sein kann. Die Autorin des Textes schlug daher vor, einfach mal öfter und bewusster zu schweigen, Dinge und Gedanken für sich zu behalten, nicht alles zu teilen. Auch in Situationen, in denen wir einfach nur sprechen, damit es nicht leise ist, sollen wir uns gezielt zurückhalten und erfahren, dass Stille und Schweigen nicht zwingend etwas Unangenehmes sein müssen, sondern auch mal ganz erfrischend sein können.

Natürlich ist es nicht so, dass ich nun ständig schweige. Das wäre ein unrealistisches Unterfangen 😉 Aber ich habe damit begonnen, mir meine Gesprächspartner weise zu wählen. Ich behalte Dinge manchmal einfach für mich und diskutiere sie mit mir selbst aus. Und wenn ich einen Rat möchte, frage ich gezielt und nicht versteckt danach, damit ich lerne, klarer zu kommunizieren. Denn man selbst ist immer nur für das verantwortlich, was man sagt, nicht für das, was andere verstehen- aber man sollte ja eh immer bei sich selbst anfangen 😉

In diesem Sinne: …

Bis bald,

             Yvonne

Ars vivendi- August 2017

Ars vivendi

oder: Wutzwerge

Yvonne Wolf 31/08/2017

Wisst ihr, worum ich kleine Kinder manchmal wirklich beneide? Es gibt da sicherlich viele Gründe, aber in letzter Zeit ist mir eine Sache besonders ins Auge gefallen- vielleicht weil es im Moment so sehr bei mir selbst Thema ist. Wahrscheinlich, denn so geht es ja oft im Leben 😉 Es sind ihre ungefilterten Gefühlsausbrüche, die einen zwar zugegebenermaßen manchmal kalt erwischen und sicherlich oft auch alles andere als leicht zu handeln sind, die aber durchaus nicht eine Sekunde daran zweifeln lassen, dass die aktuelle Zufriedenheit akut ins Wanken gerät und den grünen Bereich verlässt. Es gibt natürlich auch Ausbrüche positiver Art, aber ich spreche eher von denen, die ich im orange-roten bis dunkelroten Bereich ansiedeln würde 😉

Ja, und nun die Frage: Warum bin ich neidisch darauf? Ganz einfach deswegen, weil ich manchmal denke, dass mir ein klitzekleines bisschen mehr Extrovertiertheit diesbezüglich vielleicht nicht schaden würde 😉 Wut ist bei sehr vielen Menschen ein großes Thema, das weiß ich durch Gespräche mit Freunden, Bekannten, Patienten. Sie ist ein Teil von jedem von uns, und doch lernen nahezu alle Menschen bereits in früher Kindheit, dass Wut etwas ist, das es zu unterdrücken oder zumindest kleinzuhalten gilt. Wutausbrüche sind gesellschaftlich nicht besonders angesehen und werden sogar hier und da mit einer Charakterschwäche gleichgesetzt. Kein Wunder also, dass viele Eltern denken, im Sinne der sozialen Akzeptanz muss man Kindern Gefühlsausbrüche ebendieser Art dringend abgewöhnen. Schade nur, dass die Wenigsten daran denken, Alternativen anzubieten. Denn es ist eine Sache, keinen groß angelegten Wutanfall zu bekommen- aber wenn ich wütend bin, dann bin ich nunmal wütend- und was soll ich denn bitte stattdessen machen? Wohin mit meiner Wut?

Ich selbst bin wohl im Laufe der Zeit zu einer Mischung aus dem „Ich brodle lange vor mich hin und irgendwann ist es genug“ und dem „Ich bin leise wütend-Typ“ geworden. Beides sind Strategien, mit denen ich nicht ganz glücklich bin; denn am allerliebsten würde ich gerne all mein mittlerweile angesammeltes Wissen über gewaltfreie Kommunikation in solchen Situationen anwenden… aber realistisch betrachtet liegt da wohl noch ein langer Weg vor mir. Eigene Muster trotz besseren Wissens zu durchbrechen ist eine hohe Kunst. Und die Wut und ich, ja, wir beide haben noch keinen entgültigen Kompromiss geschlossen. Zumindest weiß ich mittlerweile recht genau, was meine speziellen Auslöser sind und wie ich sie zu bewerten habe. In sehr reflektierten und emotional nicht aufgeladenen Momenten (haha, eine seltene Kombination, wenn es um Wut geht…) bin ich hier und da mal in der Lage, meine Gefühle sachlich und unaufgeregt nach außen zu tragen, aber meistens wähle ich wohl die Vogel-Strauß-Taktik und bespreche mich im Nachhinein mit unbeteiligten Freunden, um Dampf abzulassen.

Gesundheitlich zu empfehlen ist übrigens keines der beiden Extreme. Die Einen kriegen Magengeschwüre, die Anderen Bluthochdruck 😉 Wie so oft, ist demnach auch hier mal wieder der goldene Mittelweg anzustreben. Da sind wir also wieder- auf der ewigen Suche nach mehr Ausgeglichenheit 🙂 Und in der Zwischenzeit feiere ich noch den ein oder anderen Wutanfall meiner Tochter. Sie werden kommen, und ich werde gewappnet sein 😀

In diesem Sinne: Raus damit!

Bis bald,

            Yvonne

P.s.: Wer konnte die Überschrift gleich richtig lesen? 😀

Ars vivendi- Juli 2016

Ars vivendi

oder: Von Wölfen und Giraffen

Yvonne Wolf 31/07/2016

In der letzten Ausgabe von Ars vivendi habe ich euch ja berichtet, dass ich mich seit einiger Zeit mit einer Methode beschäftige, die es ermöglicht, auch schwierige kommunikative Situationen ohne einhergehenden Personenschaden zu meistern. Denn oft wäre es so schön, wenn man einfach auch mal was sagen könnte, was man vielleicht andernfalls hinunterschlucken würde. Was soll ich sagen? Es ist tatsächlich möglich, es funktioniert und hat in den vergangenen Wochen für sehr viele helle Momente bei mir gesorgt 😉 Aber- und das sage ich gleich dazu: Es ist auch eine Menge Arbeit, und zwar ausschließlich an sich selbst…

Natürlich handelt es sich bei der erwähnten Methode um die „Gewaltfreie Kommunikation“, die von Marshall B. Rosenberg, der seines Zeichens Schüler von Carl Rogers war, entwickelt wurde. Und da der ganze Ansatz (leider) viel zu umfangreich für meine kleine Kolumne wäre, habe ich mir heute den Aspekt herausgesucht, der für mich ganz persönlich einen neuen Blickwinkel eröffnet hat und aktuell sehr im Fokus meiner Aufmerksamkeit steht 🙂

Lest euch zunächst einmal folgende Sätze durch:

Alles, was ein Mensch jemals tut, ist ein Versuch, seine Bedürfnisse zu erfüllen.

Dass, was andere sagen, kann Auslöser unserer Gefühle sein, ist aber nie ihre Ursache.

Diese Grundannahmen der GfK haben bei mir regelrecht für eine Erleuchtung gesorgt. In letzter Zeit bin ich oft in Situationen geraten, in denen etwas gesagt wurde, was mich innerhalb einer Sekunde innerlich rasend gemacht hat. Und auch wenn ich geübt darin bin, etwas zu analysieren und nach dem Grund für etwas zu suchen- auf die Idee, mir in einem solchen Falle über die Bedürfnisse meines Gegenübers Gedanken zu machen bin ich bis jetzt in der Tat noch nicht. Und genau da sollte man laut Rosenberg jedoch ansetzen und sich auf sie Suche machen. Denn immer, wenn jemand etwas sagt, was in unseren Ohren nach Kritik, einem Urteil oder einer Interpretation des Verhaltens anderer Menschen klingt, dann handelt es sich in Wirklichkeit um eine entfremdete Äußerung der eigenen Bedürfnisse, die der agierenden Person in diesem Moment meistenfalls nicht bewusst sind.

Die Frau, die ihrem Mann vorwirft „Du arbeitest viel zu lange. Du liebst deine Arbeit mehr als mich.“ hat ein unerfülltes und unkommuniziertes Bedürfnis nach Nähe. Der Jugendliche, der seiner Mutter an den Kopf wirft: „Lass mich in Ruhe. Ich brauche dich nicht.“ sehnt sich nach mehr Autonomie; und der Mann, der nach einem langen Tag nach Hause kommt und sagt: „Du gehst mir auf die Nerven.“ möchte vielleicht einfach ein bisschen mehr Ruhe und Rücksichtnahme.

Hört man also nicht auf den vordergründigen „Angriff“, sondern sucht nach dem Bedürfnis, welches hinter der Äußerung steckt, so hat man die Möglichkeit, auf dieses Bedürfnis zu reagieren und so die Beziehung zu seinem Gegenüber auf wertschätzende Art und Weise zu beeinflussen.

Wie gesagt, ich habe es probiert und war sehr überrascht wie gut es funktioniert. Natürlich besteht Rosenbergs Methode noch aus weiteren Aspekten, die alle zusammengehören und am Ende eine wundervolle Art der Kommunikation ergeben- aber für’s Erste soll euch dieser kleine Einblick genügen. Ich lade euch herzlich ein, euch auf die Suche nach Bedürfnissen zu machen. Natürlich nach euren Eigenen- denn so könnt ihr selbst Sorge für sie tragen; aber auch nach den unerfüllten Bedürfnissen der Menschen in eurem Umfeld. Unterstellt niemandem, das er euch Böses will, sondern geht davon aus, dass etwas Unerfülltes in ihm schlummert, was erhört werden möchte.

Mich hat das Ganze jedenfalls sehr beeindruckt und mittlerweile habe ich so ziemlich meinem ganzen Freundeskreis kleine oder größere Vorträge über dieses Thema gehalten. Aber es gibt noch viel zu lernen- denn auch wenn ich bereits besser darin geworden bin, meine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu kommunizieren, so fällt es mir doch mitunter schwer, bei jeder unglücklich gewählten Äußerung nur auf das Bedürfnis meines Gegenübers zu hören und den Rest auszublenden. Aber gut- Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut 😉

Die lebensentfremdende, also gewaltvolle Sprache wird bei Rosenberg im Übrigen auch als die Wolfssprache bezeichnet, die gewaltfreie, wertschätzende Sprache dagegen als Giraffensprache, da Giraffen mit ihrem langen Hals mehr Weitsicht besitzen und zudem ein großes Herz haben. Na, dann hoffe ich mal, dass mir mein Nachname keine Steine in den Weg legt 😀 Aber ist ja nur angeheiratet 😉

Seit einigen Wochen nehme ich zudem an einem Onlineseminar teil, bei dem es um GfK mit Kindern geht. Falls euch das Thema interessiert und ihr mehr darüber von mir lesen wollt: Schreibt in die Kommentare oder eine Email- ich freue mich über Post.

In diesem Sinne: Wir lesen uns!

Bis bald,

            Yvonne

 

 

Literatur:

Rosenberg, Marshall B. : Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. (201311)

Junfermann Verlag, Paderborn