Ars vivendi- August 2017

Ars vivendi

oder: Wutzwerge

Yvonne Wolf 31/08/2017

Wisst ihr, worum ich kleine Kinder manchmal wirklich beneide? Es gibt da sicherlich viele Gründe, aber in letzter Zeit ist mir eine Sache besonders ins Auge gefallen- vielleicht weil es im Moment so sehr bei mir selbst Thema ist. Wahrscheinlich, denn so geht es ja oft im Leben 😉 Es sind ihre ungefilterten Gefühlsausbrüche, die einen zwar zugegebenermaßen manchmal kalt erwischen und sicherlich oft auch alles andere als leicht zu handeln sind, die aber durchaus nicht eine Sekunde daran zweifeln lassen, dass die aktuelle Zufriedenheit akut ins Wanken gerät und den grünen Bereich verlässt. Es gibt natürlich auch Ausbrüche positiver Art, aber ich spreche eher von denen, die ich im orange-roten bis dunkelroten Bereich ansiedeln würde 😉

Ja, und nun die Frage: Warum bin ich neidisch darauf? Ganz einfach deswegen, weil ich manchmal denke, dass mir ein klitzekleines bisschen mehr Extrovertiertheit diesbezüglich vielleicht nicht schaden würde 😉 Wut ist bei sehr vielen Menschen ein großes Thema, das weiß ich durch Gespräche mit Freunden, Bekannten, Patienten. Sie ist ein Teil von jedem von uns, und doch lernen nahezu alle Menschen bereits in früher Kindheit, dass Wut etwas ist, das es zu unterdrücken oder zumindest kleinzuhalten gilt. Wutausbrüche sind gesellschaftlich nicht besonders angesehen und werden sogar hier und da mit einer Charakterschwäche gleichgesetzt. Kein Wunder also, dass viele Eltern denken, im Sinne der sozialen Akzeptanz muss man Kindern Gefühlsausbrüche ebendieser Art dringend abgewöhnen. Schade nur, dass die Wenigsten daran denken, Alternativen anzubieten. Denn es ist eine Sache, keinen groß angelegten Wutanfall zu bekommen- aber wenn ich wütend bin, dann bin ich nunmal wütend- und was soll ich denn bitte stattdessen machen? Wohin mit meiner Wut?

Ich selbst bin wohl im Laufe der Zeit zu einer Mischung aus dem „Ich brodle lange vor mich hin und irgendwann ist es genug“ und dem „Ich bin leise wütend-Typ“ geworden. Beides sind Strategien, mit denen ich nicht ganz glücklich bin; denn am allerliebsten würde ich gerne all mein mittlerweile angesammeltes Wissen über gewaltfreie Kommunikation in solchen Situationen anwenden… aber realistisch betrachtet liegt da wohl noch ein langer Weg vor mir. Eigene Muster trotz besseren Wissens zu durchbrechen ist eine hohe Kunst. Und die Wut und ich, ja, wir beide haben noch keinen entgültigen Kompromiss geschlossen. Zumindest weiß ich mittlerweile recht genau, was meine speziellen Auslöser sind und wie ich sie zu bewerten habe. In sehr reflektierten und emotional nicht aufgeladenen Momenten (haha, eine seltene Kombination, wenn es um Wut geht…) bin ich hier und da mal in der Lage, meine Gefühle sachlich und unaufgeregt nach außen zu tragen, aber meistens wähle ich wohl die Vogel-Strauß-Taktik und bespreche mich im Nachhinein mit unbeteiligten Freunden, um Dampf abzulassen.

Gesundheitlich zu empfehlen ist übrigens keines der beiden Extreme. Die Einen kriegen Magengeschwüre, die Anderen Bluthochdruck 😉 Wie so oft, ist demnach auch hier mal wieder der goldene Mittelweg anzustreben. Da sind wir also wieder- auf der ewigen Suche nach mehr Ausgeglichenheit 🙂 Und in der Zwischenzeit feiere ich noch den ein oder anderen Wutanfall meiner Tochter. Sie werden kommen, und ich werde gewappnet sein 😀

In diesem Sinne: Raus damit!

Bis bald,

            Yvonne

P.s.: Wer konnte die Überschrift gleich richtig lesen? 😀

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Ars vivendi- November 2016

Ars vivendi

oder: Freudentanz

Yvonne Wolf 30/11/2016

Wisst ihr, was mir in den letzten Monaten immer wieder aufgefallen ist, wenn ich meine kleine Tochter beobachtet habe? Wenn sie sich freut, dann aber richtig. Die kleinsten Kleinigkeiten sorgen tagtäglich dafür, dass sie vollkommen aus dem Häuschen ist, laut loslacht, sich bewegt und durch die Gegend tanzt. In diesen Momenten kann man gar nicht anders, als mindestens mitzulachen. Ein Foto von einem solchen Augenblick könnte ich mir gut im Lexikon neben dem Wort „Freude“ vorstellen. So funktioniert es also, dieses „sich freuen“. Warum sieht es dann mit zunehmenden Alter oft irgendwie anders aus, wenn man sich freut? Natürlich ist für Kinder alles neu und aufregend, muss entdeckt und ausprobiert werden; aber das kann nicht die ganze Erklärung sein. Irgendwas scheint da schiefzulaufen auf dem langen Weg ins Erwachsenenalter…

Wenn ihr euch wirklich über etwas freut- wie sieht das aus? Seid ihr laut dabei, lasst die anderen Menschen teilhaben und steckt sie an? Oder erledigt ihr das Ganze lieber heimlich, still und leise in eurem Inneren und schickt maximal ein kleines Lächeln, vielleicht auch mal einen dezent freudigen Ausruf nach außen? Wenn ich mich so umschaue, würde ich fast behaupten, die Tendenz geht eher in Richtung der zweiten Variante. Das trifft selbstverständlich auch oft auf mich zu; es sei denn, ich befinde mich auf gesichertem Terrain. Dann bin ich durchaus ausgelassen; es kommt möglicherweise sogar vor, dass ich hüpfe oder juchze 😉 Unfassbar, oder?

Mit der Freude ist es nämlich so eine Sache. Genau wie bei den anderen starken Gefühlen, die es gibt (z.B. Wut, Trauer), gestatten wir (unseren) Kindern meist eine bestimmte Phase im Leben, in denen sie diese gemäß ihren Bedürfnissen frei nach außen leben dürfen und sich authentisch zeigen können. Doch dann kommt der Zeitpunkt, wo sich für viele der Wind dreht und man, vielleicht auch unbewusst, damit anfängt, sein Kind ein bisschen zurechtzustutzen. Das muss um Gottes Willen nicht für alle gelten und es gibt natürlich noch andere Faktoren, die damit zu tun haben, aber es scheint mir ein wichtiger Punkt zu sein. Man zeigt Gefühle nicht in der Öffentlichkeit; wenn man weint, ist man ein Baby, übertreibt oder stellt sich an; Lachen ist in Ordnung- aber bitte nicht zu laut. Authentisch und echt sein scheint also nicht zwingend oben auf der Liste zu stehen. Und so kommt es dann, dass wir manchmal ein bisschen zu angepasst durchs Leben spazieren und uns mit unseren Emotionen zurücknehmen, obwohl es so gut täte, sie herauszulassen. Gelernt ist eben gelernt.

Vor einiger Zeit habe ich irgendeine Sendung gesehen, in der Menschen überrascht wurden. Und wisst ihr, was passiert, wenn man dabei zusieht, wenn andere Menschen vor Freude ausrasten und sich öffnen? Man wird angesteckt. Ich saß jedenfalls breit grinsend auf meinem Sofa und habe mich einfach mitgefreut.

Vielleicht achtet ihr mal auf solche Momente, die ein wenig mehr nach außen getragene, echte und ungebremste Freude gebrauchen könnten. Und wer nicht weiß, wie sowas aussieht, der möge sich einfach eine Zeit lang kleine Kinder anschauen. Sie sind mitunter gute Lehrmeister 😉

Ich verabschiede mich an dieser Stelle mit einem japanischen Sprichwort und appelliere an das innere Kind in euch, welches sicherlich schon ganz aufgeregt darauf wartet, endlich wieder laut loslachen zu dürfen 😉

In diesem Sinne: Eine Freude vertreibt hundert Sorgen!

Bis bald,

           Yvonne