Ars vivendi- Mai 2018

Ars vivendi

oder: Luftballons

Yvonne Wolf 31/05/2018

Habt ihr auch manchmal das Gefühl, dass in kleinen Kindern alte Seelen stecken? Weil sie einfach hin und wieder Dinge sagen, die so schlau, so philosophisch oder tiefgründig sind und einen selbst mit offenem Mund und nicht selten sprachlos dastehen lassen? Ich hatte solche Situationen schon öfters- mit Kindern in meinen Therapiestunden. Aber vor 2 oder 3 Wochen war es dann auch bei uns zu Hause so weit. Deswegen gibt es heute wieder ein Märchen für euch. Aber diesmal eins aus der Realität…

Meine 2-jährige Tochter mochte bislang keine Luftballons- egal welcher Art. Das Material war ihr irgendwie suspekt. Angucken- ok. Anfassen- auf gar keinen Fall. Als wir dann Anfang des Monats auf einem Frühlingsfest vor einem dieser Luftballonmenschen mit den Heliumballons standen, fragte sie, ob wir einen von den Ballons kaufen könnten. Klar- warum auch nicht. Nach einer kurzen Diskussion über die Größe des Ballons hatte sie sich für einen kleinen Herzballon entschieden- mit Biene Maja (große Liebe). Zu Hause angekommen haben wir ihn ins Wohnzimmer an die Decke gehängt und sie hat sich wirklich sehr, sehr über diesen Ballon gefreut. Nun denn. Es war ein warmer Tag, wir hatten sowohl die Haustüre, als auch die Terrassentüre geöffnet, um für ein bisschen Abkühlung zu sorgen. Ein Kind aus der Nachbarschaft war zu Besuch und die beiden tobten durchs Wohnzimmer, der Ballon mittendrin. Als er dann immer näher an die Terrassentür flog, erklärte ich den beiden Mädels, dass ich den Ballon besser festbinde, damit er nicht herausgeweht wird. Ich band ihn also an die Türklinke der Wohnzimmertür und drehte mich um, um in die Küche zu gehen. Keine 10 Sekunden später hörte ich ein verzweifeltes: „Yvonne, der Ballon…“ Und da war es passiert. Ein heftiger Windstoß hatte den Ballon samt Schleife von der Klinke geweht (wie unverschämt ist das bitte?) und mit einem kräftigen Schwung ohne Umweg direkt durch die Haustüre ins Freie befördert. Wir alle 3 sind hinterhergesprintet, keiner hat ihn erwischt…! Auf die Frage meiner Tochter, wie wir den Ballon jetzt wiederbekommen, konnte ich daher nur sagen: „Der ist schon zu hoch geflogen- den bekommen wir nicht zurück.“ Und dann fing sie an zu weinen. Nicht ein bisschen, sondern so richtig. Da standen wir dann und haben dem Ballon hinterhergeschaut. Wir haben ihm gewunken und zugesehen wie er immer und immer kleiner wurde. „Wo können wir den Ballon abholen, Mama?“ – „Der fliegt jetzt in den Himmel zu den Sternen oder vielleicht in eine andere Stadt. Den können wir leider nicht abholen. Du hast dich so über den Ballon gefreut. Der war so schön. Und jetzt bist du ganz traurig, oder?“- „Ja, ganz dolle traurig. Bist du auch traurig?“- „Ja, ich bin auch traurig.“ Und dann, als wir noch eine ganz Zeit vor der Tür standen und der Ballon nur noch ein kleiner Punkt am Himmel war, fragte meine Tochter: „Mama, ich bin immer noch so dolle traurig. Wann geht das Traurigsein denn wieder weg?“ Ja, und dann steht man da. Wann geht das wieder weg? „Weißt du, manchmal geht das Traurigsein nicht so schnell weg. Dann darf man weinen, so viel wie man will. Und irgendwann merkt man dann, dass das Traurigsein nicht mehr so schlimm ist.“- „Weinen Große dann auch?“ – „Alle Leute dürfen weinen, wenn sie traurig sind. Leider denken die Großen manchmal, dass sie nicht weinen dürfen, weil sie schon groß sind. Aber das ist ja Quatsch.“ Und zu diesem Zeitpunkt hatte ich dann auch Tränen in den Augen. Wegen des Ballons? Vielleicht. Oder vielleicht, weil Große einfach auch mal weinen müssen 😉

Diese Geschichte begleitete uns tatsächlich noch einige Tage. Dann war das Traurigsein laut eigener Aussage nicht mehr so schlimm. Aber den Ballon vermisst sie immer noch ein bisschen.

Dieses Erlebnis hat so viele wichtige Botschaften, dass ich sie am liebsten alle aufschreiben und mit euch teilen möchte. Aber ein Teil in mir denkt sich, jeder von euch wird genau das darin sehen, was er grade braucht. Und so ist es dann gut so.

Ich für meinen Teil werde darüber nachdenken noch kurz ein Philosophiestudium in meinen Alltag zu integrieren. Denn ich will nicht wissen, was ich mir noch alles spontan aus dem Ärmel schütteln muss, wenn das jetzt schon so anfängt 😉

In diesem Sinne: Mach‘s gut, Maja!

Bis bald, Yvonne

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