Ars vivendi- Juli 2016

Ars vivendi

oder: Von Wölfen und Giraffen

Yvonne Wolf 31/07/2016

In der letzten Ausgabe von Ars vivendi habe ich euch ja berichtet, dass ich mich seit einiger Zeit mit einer Methode beschäftige, die es ermöglicht, auch schwierige kommunikative Situationen ohne einhergehenden Personenschaden zu meistern. Denn oft wäre es so schön, wenn man einfach auch mal was sagen könnte, was man vielleicht andernfalls hinunterschlucken würde. Was soll ich sagen? Es ist tatsächlich möglich, es funktioniert und hat in den vergangenen Wochen für sehr viele helle Momente bei mir gesorgt 😉 Aber- und das sage ich gleich dazu: Es ist auch eine Menge Arbeit, und zwar ausschließlich an sich selbst…

Natürlich handelt es sich bei der erwähnten Methode um die „Gewaltfreie Kommunikation“, die von Marshall B. Rosenberg, der seines Zeichens Schüler von Carl Rogers war, entwickelt wurde. Und da der ganze Ansatz (leider) viel zu umfangreich für meine kleine Kolumne wäre, habe ich mir heute den Aspekt herausgesucht, der für mich ganz persönlich einen neuen Blickwinkel eröffnet hat und aktuell sehr im Fokus meiner Aufmerksamkeit steht 🙂

Lest euch zunächst einmal folgende Sätze durch:

Alles, was ein Mensch jemals tut, ist ein Versuch, seine Bedürfnisse zu erfüllen.

Dass, was andere sagen, kann Auslöser unserer Gefühle sein, ist aber nie ihre Ursache.

Diese Grundannahmen der GfK haben bei mir regelrecht für eine Erleuchtung gesorgt. In letzter Zeit bin ich oft in Situationen geraten, in denen etwas gesagt wurde, was mich innerhalb einer Sekunde innerlich rasend gemacht hat. Und auch wenn ich geübt darin bin, etwas zu analysieren und nach dem Grund für etwas zu suchen- auf die Idee, mir in einem solchen Falle über die Bedürfnisse meines Gegenübers Gedanken zu machen bin ich bis jetzt in der Tat noch nicht. Und genau da sollte man laut Rosenberg jedoch ansetzen und sich auf sie Suche machen. Denn immer, wenn jemand etwas sagt, was in unseren Ohren nach Kritik, einem Urteil oder einer Interpretation des Verhaltens anderer Menschen klingt, dann handelt es sich in Wirklichkeit um eine entfremdete Äußerung der eigenen Bedürfnisse, die der agierenden Person in diesem Moment meistenfalls nicht bewusst sind.

Die Frau, die ihrem Mann vorwirft „Du arbeitest viel zu lange. Du liebst deine Arbeit mehr als mich.“ hat ein unerfülltes und unkommuniziertes Bedürfnis nach Nähe. Der Jugendliche, der seiner Mutter an den Kopf wirft: „Lass mich in Ruhe. Ich brauche dich nicht.“ sehnt sich nach mehr Autonomie; und der Mann, der nach einem langen Tag nach Hause kommt und sagt: „Du gehst mir auf die Nerven.“ möchte vielleicht einfach ein bisschen mehr Ruhe und Rücksichtnahme.

Hört man also nicht auf den vordergründigen „Angriff“, sondern sucht nach dem Bedürfnis, welches hinter der Äußerung steckt, so hat man die Möglichkeit, auf dieses Bedürfnis zu reagieren und so die Beziehung zu seinem Gegenüber auf wertschätzende Art und Weise zu beeinflussen.

Wie gesagt, ich habe es probiert und war sehr überrascht wie gut es funktioniert. Natürlich besteht Rosenbergs Methode noch aus weiteren Aspekten, die alle zusammengehören und am Ende eine wundervolle Art der Kommunikation ergeben- aber für’s Erste soll euch dieser kleine Einblick genügen. Ich lade euch herzlich ein, euch auf die Suche nach Bedürfnissen zu machen. Natürlich nach euren Eigenen- denn so könnt ihr selbst Sorge für sie tragen; aber auch nach den unerfüllten Bedürfnissen der Menschen in eurem Umfeld. Unterstellt niemandem, das er euch Böses will, sondern geht davon aus, dass etwas Unerfülltes in ihm schlummert, was erhört werden möchte.

Mich hat das Ganze jedenfalls sehr beeindruckt und mittlerweile habe ich so ziemlich meinem ganzen Freundeskreis kleine oder größere Vorträge über dieses Thema gehalten. Aber es gibt noch viel zu lernen- denn auch wenn ich bereits besser darin geworden bin, meine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu kommunizieren, so fällt es mir doch mitunter schwer, bei jeder unglücklich gewählten Äußerung nur auf das Bedürfnis meines Gegenübers zu hören und den Rest auszublenden. Aber gut- Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut 😉

Die lebensentfremdende, also gewaltvolle Sprache wird bei Rosenberg im Übrigen auch als die Wolfssprache bezeichnet, die gewaltfreie, wertschätzende Sprache dagegen als Giraffensprache, da Giraffen mit ihrem langen Hals mehr Weitsicht besitzen und zudem ein großes Herz haben. Na, dann hoffe ich mal, dass mir mein Nachname keine Steine in den Weg legt 😀 Aber ist ja nur angeheiratet 😉

Seit einigen Wochen nehme ich zudem an einem Onlineseminar teil, bei dem es um GfK mit Kindern geht. Falls euch das Thema interessiert und ihr mehr darüber von mir lesen wollt: Schreibt in die Kommentare oder eine Email- ich freue mich über Post.

In diesem Sinne: Wir lesen uns!

Bis bald,

            Yvonne

 

 

Literatur:

Rosenberg, Marshall B. : Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. (201311)

Junfermann Verlag, Paderborn

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