Ars vivendi: Mai 2016

Ars vivendi

oder: Tanz den Mambo

Yvonne Wolf 31/05/2016

Nein, dies ist keine Aufforderung für einen Tanzkurs 😉 Tatsächlich geht es in meinem heutigen Text um etwas ganz Anderes, nämlich um das angemessene Einschätzen von Nähe und Distanz.

In meinem Studium (was schon echt lange her ist…) habe ich in einem Semester an einem Seminar teilgenommen, in dem wir folgende Übung machen mussten: Alle Studenten sollten sich in 2 Reihen aufstellen, und zwar so, dass sich immer genau zwei Personen gegenüberstehen. Wichtig war außerdem, dass sich die Personen nicht kennen und die Distanz zu Beginn der Übung mehrere Meter betrug. Im Verlauf der Übung sollten wir dann in kleinen Schritten aufeinander zugehen und laut „Stopp“ rufen, sobald wir das Gefühl hatten, dass der Andere in „unseren Bereich“ eindringt, also uns zu nah kommt. Und wie man sich vielleicht denken kann gab es am Ende der Übung niemanden, der seinem Gegenüber so nah stand, dass er ihn unmittelbar berührte. Ein bis zwei Meter Abstand wurde von den Meisten als angemessen empfunden. Denn auch wenn Nähe von Kindesbeinen an eines unserer Grundbedürfnisse ist, so heißt es nicht, dass wir sie jedem gewähren. Nähe wir nur dann positiv empfunden, wenn sie einvernehmlich stattfindet. Mit unserer Erlaubnis. (Und für alle, die sich nun fragen, in welchem Studiengang man so tolle Übungen macht- die Antwort lautet, wie könnte es anders sein: Pädagogik 😉 Geisteswissenschaften olé 😀 )

Nun gibt es aber Menschen, und ich bin mir fast sicher, jeder ist schonmal wem begegnet, auf den das zutrifft, die überschreiten diese unsichtbare Grenze, ohne sich vorher eine Genehmigung einzuholen. Vielleicht stehen sie für unser Gefühl immer einen Tick zu nah an uns dran, oder (mein persönlicher Albtraum) sie fassen uns während eines Gesprächs ständig (!!!) an- an der Schulter, am Rücken, wo auch immer. Und ich spreche hier nicht von guten Freunden oder Bekannten, die so etwas durchaus dürfen, sondern eher von Personen, die man, zumindest vorerst, gerne etwas mehr auf gesundem Abstand halten würde.

Dieses Thema kam mir in den Sinn, da ich in den letzten Wochen immer wieder feststellen musste, dass viele Menschen diese Nähe-Distanz-Geschichte anscheinend total außer Acht lassen, sobald es um kleine Kinder geht. Kaum sitzt ein grinsendes, süßes Baby oder Kleinkind da, kommen wildfremde Menschen und fangen an zu streicheln und anzufassen. Nachdem mir das das zweite Mal während eines Einkaufs passiert ist, musste ich zu Hause erstmal darüber nachdenken, was ich davon halte. Neue Situationen erfodern ja neue Verhaltensweisen 😉 Lange musste ich allerdings nicht nachdenken, denn schnell war mir klar: Ich möchte nicht, dass fremde Menschen einfach so mein Kind anfassen. Wir sind hier ja nicht im Streichelzoo. Und niemals würde man auf die Idee kommen, so etwas bei einem Erwachsenen zu machen. Ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber mir passiert es relativ selten, dass einfach so jemand zu mir kommt, mir über die Wange streichelt und mir sagt, wie toll ich doch lache. Nunja, in meinen Augen ist dieses Verhalten also eher distanzlos und unangebracht. Man kann ja gerne miteinander lachen und erzählen, aber das reicht dann auch- wohlgemerkt: Wir sprechen von wildfremden Menschen.

Da es nunmal so ist, dass nur sprechenden Menschen geholfen werden kann, war ich also für eine nächste Begegnung dieser Art innerlich gewappnet. Und lange warten musste ich auch nicht, bis es wieder so weit war. Eine ältere Dame war während eines Einkaufs plötzlich im Gesicht meiner Tochter zu Gange. Also habe ich ganz nett (wirklich!) gesagt: „Ich weiß, es ist nett gemeint, aber ich möchte nicht, dass sie einfach mein Kind anfassen.“ Die Dame war ganz überrumpelt und konnte in dem Moment nicht anderes sagen als einfach nur: „Nein?“ – „Nein!!!“. Und dann zog sie von dannen.

Und alle, die sich immer noch fragen, warum die Überschrift „Tanz den Mambo“ heißt, denken jetzt mal an Dirty Dancing und das, was der gute Johnny in einer Tanzstunde zu Baby sagt: „Das ist mein Tanzbereich, das ist dein Tanzbereich.“

In diesem Sinne: Ich hab eine Wassermelone getragen 😉

Bis bald,

           Yvonne

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