Ars vivendi: Februar 2015

Ars vivendi

oder: 7 Wochen ohne

Yvonne Wolf 28/02/2015

Es ist schon lustig. Immer dann, wenn das Ende des Monats naht und ich mich mehr und mehr mit der Frage beschäftige, über was ich meine nächste Kolumne schreiben könnte, gibt es diesen einen Moment, in dem es plötzlich klar ist. Es fühlt sich fast so an, als wäre es eine Art Bestellung beim Universum, die auch meist prompt und pünktlich geliefert wird. Dann heißt es natürlich noch: Augen auf und fleißig sich selbst und die Umwelt beobachten- doch dank des Phänomens der selektiven Wahrnehmung gibt es auch hier immer genügend Material, was mir bereitwillig unter die Füße kommt…

So war es also auch dieses Mal. Wer die Überschrift der hiesigen Ausgabe gelesen hat, wird sich sehr wahrscheinlich gleich fragen: 7 Wochen ohne? Ja, ohne was denn? Unter diesem Motto läuft aktuell eine Aktion der evangelischen Kirche, die uns dazu auffordert, die diesjährige Fastenzeit bewusst dazu zu nutzen, auf abwertende Äußerungen uns und anderen gegenüber zu verzichten. Der Auftrag lautet also: 7 Wochen ohne Runtermachen!

Ich finde, das klingt wie etwas, das es lohnt einmal auszuprobieren, oder? Normalerweise nutze ich die Fastenzeit jedes Jahr, um meine Ernährung nach der Weihnachtszeit wieder etwas in Balance zu bringen- nix Süßes, manchmal auch kein Fleisch oder Alkohol, eben das, was mir so in den Sinn kommt. Da mein Körper aber in diesem Jahr mit anderen Dingen beschäftigt ist, kommt mir diese Aktion eigentlich ganz recht, denn das ist doch mal eine ganz andere Art und Weise des Verzichts, die ein ganz schön hohes Maß an Selbstkontrolle und Eigenreflexion erfordert!

Nun denn, in der vergangenen Woche habe ich also meine Antennen ausgestreckt. Wie oft kommt es denn vor, dass man sich selbst oder anderen gegenüber Abwertendes ausspricht? Und im Gegenzug stellt sich dann natürlich auch die Frage: Wie oft sagen wir etwas Nettes, sprechen einfach so ein Kompliment aus? Ich fürchte, Ersteres überwiegt oft leider deutlich…

Erinnert ihr euch an meine Kolumne vom Beginn des letzten Jahres? Da ging es darum, dass es durchaus legitim ist, auch mal Dampf abzulassen, damit sich nichts in einem aufstaut. Tja, ich schätze, auf diese Art des Stressmanagements muss im Rahmen dieser Aktion wohl verzichtet werden. Den wohl gefährlichsten Ort für abwertende Äußerungen meinerseits stellt wohl zur Zeit mein Arbeitsplatz dar. Wahrscheinlich geht es vielen von euch ähnlich, denn immerhin verbringen wir dort sehr viel Zeit und sind oft mit vielen Menschen zusammen. Ein nervender Chef, die Kollegen, Kunden oder in meinem Fall der ein oder andere Patient- beinahe täglich summieren sich hier und da kleine Seitenhiebe und Böswilligkeiten, die einem erschreckend leicht und unbedacht über die Lippen kommen. Die Gefahr, die ich dabei in der vergangenen Woche beobachtet habe, ist folgende: Sind solche Dinge erst einmal laut ausgesprochen, entwickeln sie schnell gruppendynamisches Potenzial. Und plötzlich sind auch die Personen X und Y der Meinung, dass Person A ganz schön unfähig ist. Wer Wind sät, wird Sturm ernten…

Natürlich werden die Situationen, in denen wir sonst dazu neigen, uns negativ zu äußern in den nächsten Wochen nicht netterweise weniger werden. Nein, jeden Tag werden sie uns aufs Neue begegnen und uns herausfordern. Der Unterschied wird darin liegen, anders damit umzugehen, nicht den Fokus darauf zu legen und sich vielleicht stattdessen eine andere Person zu suchen, die man mit einem ehrlich gemeinten Kompliment zum Lächeln bringen kann. Doch auch der Umgang mit uns selbst ist wichtig- wie oft ist man ungnädig mit dem eigenen Körper, der eigenen Persönlichkeit und macht sich selbst runter, weil man nicht so funktioniert wie man möchte? Auch das gibt es leider häufiger als man denkt. In meinem Fall konnte ich erfreulicherweise feststellen, dass ich zumindest auf dieser Ebene aktuell wohl recht zufrieden mit mir sein kann, da ich mir gegenüber wohl im Moment eher wohlgesonnen bin. Immerhin ein Anfang 😉

7 Wochen ohne“ ist also eine sehr schöne Aktion, der sich hoffentlich viele Menschen anschließen werden. Versucht es doch einfach auch: Spart euch negative Kommentare, verteilt lieber kleine Nettigkeiten im Alltag. Ein paar Karmapunkte können nie schaden 😉

In diesem Sinne: fröhliches Fasten!

Bis bald,

            Yvonne

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