Ars vivendi- Oktober 2014

Ars vivendi

oder: Blickwechsel

Yvonne Wolf 29/10/2014

Zum Einstieg in die heutige Ausgabe von Ars vivendi zeige ich euch erst einmal ein Bild:

Kippbild1

                                                                                                        (Metzger, W.: Gesetze des Sehens. Frankfurt a. M. 1975)

Na, was seht ihr? Vielleicht eine Vase? Oder zwei Gesichter? Wenn ihr gut seid, dann seht ihr sogar beides 😉 Es gibt zahlreiche dieser sogenannten Kippbilder, die uns auf einfache, aber sehr schöne Art und Weise zeigen, dass es sich manchmal lohnt, die Perspektive zu wechseln und etwas im wahrsten Sinne des Wortes mit anderen Augen zu betrachten. Jeder von uns hat irgendwo in den tiefen seines Gehirns einen kleinen Schalter, der nicht selten nur darauf wartet umgelegt zu werden! Bei einigen wird dieser Schalter regelmäßig benutzt, so dass er gut funktioniert- bei anderen wiederum hat er bereits Rost angesetzt, weil er vollkommen ungenutzt bleibt…; jeder von uns kennt sicherlich Kandidaten aus beiden Lagern 😉

Die Situationen, in denen ein solcher Perspektivenwechsel sinnvoll wäre, sind vielfältig. Immer dann, wenn wir der Überzeugung sind, dass andere Menschen eigentlich jeden Morgen nur aufstehen, um UNS zu ärgern, sollten möglicherweise (!) neu betrachtet werden. Denn- auch wenn das für einige eine harte Erkenntnis ist 😉 – so wichtig sind wir in den meisten Fällen nicht, dass wir immerzu das Ziel der Handlungen und Reaktionen anderer darstellen. Wenn man es nämlich dann schafft, das Ganze einmal anders auszulegen und vorsichtig nach rechts und links guckt, ist oft alles nur noch halb so wild oder präsentiert sich in einem anderen Licht.

Als ich vor einigen Wochen mit meiner Freundin auf dem Heimweg von der Frankfurter Buchmesse war, hatten wir natürlich wieder viel Zeit zum Quatschen. Und so nahm die Philosophiestunde, die wir ja auch schon auf unserem Ausflug nach Bremen (ihr erinnert euch?) geführt hatten, ihren Lauf und folgender Dialog entspann sich:

Das hat ja jetzt etwas mit dem Blickwinkel zu tun. Ob das Glas halb voll ist oder halb leer.“

-„Es ist halb leer.“

So pauschal kann man das aber nicht sagen. Es kommt doch auf die Ausgangslage an. Wenn das Glas voll ist, und jemand nimmt die Hälfte weg, dann ist es halb leer. Aber wenn es zuvor leer ist, und es wird etwas hineingeschüttet, dann ist es halb voll. Dann freue ich mich doch darüber, dass ich die Hälfte bekommen habe?!“

– „Also wenn ich ein leeres Glas habe, und jemand macht es nur halb voll, dann ärgere ich mich darüber, dass ich nur die Hälfte bekommen habe.“

Ernsthaft?“

-“Ja. Ich denke, in diesem Punkt werden wir uns einfach immer unterscheiden.“

Das, was die Sache also manchmal noch schwieriger macht, ist die Tatsache, dass wir dazu neigen, alles sehr schnell zu bewerten. Schwarz oder weiß, gut oder schlecht- schnell landet alles in der passenden Schublade mit dem dazugehörigen Stempel und prägt auf diese Weise unser Denken. Auch hierzu habe ich letzte Woche beim Hören eines wirklich schönen Hörspiels eine kleine Geschichte kennengelernt, die ich euch an dieser Stelle nicht vorenthalten möchte und in meinen Worten versuche wiederzugeben:

Es war einmal ein Bauer, der lebte in einem kleinen Dorf. Besaß man ein Pferd, so galt man in diesem Dorf und zu dieser Zeit als reicher Mann. Als der Bauer also eines Tages zu einem prächtigen Pferd kam, beglückwünschten ihn alle Dorfbewohner und sagten: „Was für ein großes Glück!“ Der Bauer aber antwortete nur: „Wir werden sehen.“ Kurz darauf lief das Pferd davon, sodass der Bauer und sein Sohn die ganze Ernte alleine erledigen mussten. Die Dorfbewohner sagten: „Was für ein Unglück!“ Der Bauer antwortete: „Wir werden sehen.“ Kurz darauf kehrte das entlaufene Pferd zurück- und im Schlepptau hatte es ein Wildpferd, so dass der Bauer nun zwei Pferde hatte. „Du bist ein glücklicher Mann!“ urteilten die Dorfbewohner. Doch auch diesmal lautete die Antwort des Bauern: „Wir werden sehen.“ Als nun der Sohn des Bauern das Wildpferd zureiten wollte, wurde er abgeworfen und brach sich ein Bein. Eine Hilfe war er seinem Vater nun nicht mehr. „Ohje, etwas Schlimmeres kann nicht passieren!“ hörte der Bauer von den Dorfbewohnern. Aber auch diesmal sagte er nur: „Wir werden sehen.“ Dann brach ein Krieg aus und alle jungen Männer wurden eingezogen. Nur der Sohn des Bauern durfte bleiben, da er ein Bein gebrochen hatte. „Du hast so ein großes Glück!“ war die Reaktion der Dorfbewohner. Doch was sagte der Bauer? „Wir werden sehen!“ …

Und mit diesen einfachen Worten lasse ich euch nun ein wenig über all das nachdenken 🙂

Zum Schluss nur noch eine kurze Frage: Was seht ihr hier?

eskimo

   kippbild3

In diesem Sinne,

                       bis bald,

                                  Yvonne

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