Ars vivendi- Mai 2013

Wie bereits angekündigt werde ich zukünftig auch meine Kolumnen hier veröffentlichen! Im August wird Ars vivendi schon 4 Jahre alt- heute startet der offizielle Internetauftritt;-)

Viel Spaß beim Lesen!

Ars vivendi

oder: Das Höhlengleichnis der Moderne

© Yvonne Wolf 22/05/13

Vor einigen Wochen war ich auf einem echt tollen Konzert. Der Club war klein, der Sänger mir persönlich vollkommen unbekannt und wir standen ungefähr drei Meter von der Bühne entfernt. Alles in allem also die besten Voraussetzungen für einen gelungenen Abend. Neben unglaublich guten Musikern und einer großartigen Atmosphäre ist mir im Nachhinein jedoch noch etwas anderes im Gedächtnis geblieben, was mich gedanklich noch lange beschäftigt hat.

Bei solchen kuscheligen, kleinen Konzerten steht man ja unweigerlich etwas näher an seinen Mitmenschen dran als gewöhnlich. Schräg links neben mir stand da also ein Mädel, was erstmal nicht weiter interessant zu sein schien. Als dann jedoch das Konzert los ging, holte sie ihr Handy raus (ihr wisst schon- so eine eierlegende Wollmilchsau wie sie alle haben) und fing an alles zu filmen. Und wenn ich sage ALLES, meine ich das auch. Das komplette Konzert über hielt sie das Handy auf Augenhöhe und zeichnete restlos alles auf. Und der Grund, warum mir das im Nachhinein nicht aus dem Kopf gehen will, ist Folgender: Sie hat kontinuierlich auf ihr Display gestarrt. Nicht auf die Bühne, auf ihr Display!!! Da steht man wenige Meter von der Bühne entfernt, kann die Leute fast anfassen und sie guckt stumpf auf ihr Handy. Ich kann euch gar nicht in Worte fassen wie absolut absurd ich das finde. Und als ich vor ein paar Tagen darüber nachdachte, was wohl das nächste Thema für meine Kolumne sein könnte und sich die Puzzleteile dann langsam in meinem Kopf formierten, stand da plötzlich die Frage im Raum: 

War sie denn jetzt wirklich auf dem Konzert? War sie wirklich mit vollem Bewusstsein da oder hat sie sich eigentlich nur mit einem Abbild zufrieden gegeben?

Diese Zwergendinger aus „Ronja Räubertochter“ hätten in dieser Situation sicherlich vollkommen zu Recht gefragt: Wiesu tut sie su?

Jedenfalls musste ich in diesem Zusammenhang an den Philosophen Platon denken (tun wir das nicht alle ab und an;-)?), da sein Höhlengleichnis an dieser Stelle sehr schön auf unsere moderne Zeit transferiert werden kann.

In besagtem Höhlengleichnis soll man sich nun ungefähr Folgendes vorstellen:

In einer unterirdischen Höhle leben Menschen, die sich seit ihrer Kindheit dort befinden und nie etwas anderes zu Gesicht bekommen haben. Sie sitzen gefesselt dort und können weder Arme noch Beine bewegen. Da sich der breite Eingang weit hinter ihnen befindet, wissen sie nichts von ihm, da sie ihn noch nie gesehen haben. Alles was sie sehen können und kennen ist die Wand, die vor ihnen liegt. Ein Feuer an der Erdoberfläche wirft Licht durch den breiten Höhleneingang, so dass für die Menschen Schatten auf der Wand sichtbar werden. Des Weiteren befindet sich eine Mauer an der Oberfläche hinter der an der Oberfläche lebende Menschen Gegenstände vorbeitragen. Die Schatten dieser Gegenstände plus die verzerrten Stimmen von oben gelangen wiederum in die Höhle.                                                                                                                                                                                                                                               Die sprechenden Schatten sind also die Realität der Menschen, die in der Höhle leben, weil sie das, was sie sehen, als echt und real ansehen.

Ursprünglich soll dieses Gleichnis versinnbildlichen, dass WIR eigentlich diejenigen sind, die gefesselt in der Höhle sitzen. Nur der Aufstieg auf eine höhere Bewusstseinsebene (durch die Flucht aus der Höhle an die Erdoberfläche) würde uns die wahre Natur der Dinge und des Lebens offenbaren, die wir sonst niemals erfassen und begreifen könnten.

Wenn wir jetzt mal ein kleines bisschen weniger philosophisch an die Sache rangehen und uns wieder mit alltäglich Bekanntem beschäftigen, dann ist der Gedanke des Höhlengleichnisses aber keineswegs abwegig und lässt sich durchaus auf unsere Zeit übertragen. Denn wie oft kommt es heutzutage vor, dass wir unsere Realität z.B. durch Bildschirme jeglicher Art ersetzen? Wir gehen online einkaufen, statt in ein Geschäft zu gehen. Sport erledigen viele von uns mit Spielekonsolen, statt in die Natur zu gehen. Und von Computerspielen jeglicher Art brauchen wir erst gar nicht zu sprechen. All das sind die Schatten auf unserer Wand, mit der sich viele anscheinend zufrieden geben.

Versteht mich nicht falsch- das ist nicht automatisch alles schlecht. Ich bin selbst ein großer Fan vieler dieser Dinge und möchte sie auf keinen Fall missen. Aber der Ein oder Andere sollte sich vielleicht fragen, ob ihm nicht hier und da ein bisschen mehr „echtes Leben“ gut tun würde;-)

In diesem Sinne: Ab an die Oberfläche:-)

Eure Yvonne

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